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Florian Schröder
Vera Gergen
29.07.2017
Vaihinger Kreiszeitung
Vera Gergen

Das Geheimnis der Zweimatratzenpaare

VAIHINGEN. „Wer von euch kann sich gut entscheiden?“, „Wen hat schon die Frage überlastet?“ und „Haben wir einen freien Willen oder zu viele Optionen?“, mit diesen Sätzen forderte Florian Schroeder von Beginn an die Vaihinger „Universitätsgesichter“ (ob er die Städte mit Absicht verwechselt hatte?) zum Mitdenken auf und heraus. Als erstes nahm er sich die Werbung zur Brust und kritisierte deren populäre Botschaft, nur wer alle Optionen kenne, könne die richtige Entscheidung treffen. Besonders Politiker würden sich gerne als Entscheider präsentieren, eine Ausnahme sei Kanzlerin Angela Merkel, für deren Memoiren er den Titel „Der Zauderberg“ vorschlage. „Was passiert, wenn wir wirklich alle Optionen haben?“, leitete er auf die eigene Qual der Wahl beim Notebook-Kauf über. „Von der Zeugung bis zur Leiche, vergleiche, vergleiche, vergleiche!“, laute heutzutage das Motto, obwohl doch fast alle Kaufentscheidungen irrational seien.

Vergleichsportale und Online-Bewertungen seien folglich keine Entscheidungshilfe. „Meinungsfreiheit besteht nicht darin, den eigenen blutigen Auswurf ins Internet zu kotzen“, formulierte er drastisch seine Überzeugung und appellierte an die Zuschauer, wie er selbst wieder mehr offline zu kaufen. Mit den Worten „Sorgt dafür, dass es auch in Zukunft noch echte Geschäfte mit echten Menschen gibt! Dort kann man euch nämlich wirklich beraten“, traf er offenbar den richtigen Nerv. Wie schlecht es bereits um den Einzelhandel bestellt sei, zeige die selbst gewählte Bezeichnung „stationärer Handel“. „Mit ambulant war da schon nix mehr zu machen!“, konstatierte der aus Funk und Fernsehen bekannte Kabarettist und sorgte damit für weitere Lacher und Beifall. Es gebe zwei Gruppen von Menschen, erfuhr man als nächstes. Einerseits die Optimierer, die permanent das Beste wollten und deshalb stets auf der Suche seien, andererseits die Gelassenen, die insgesamt weniger hätten, damit aber bedeutend zufriedener seien.

Bei einem rasanten Vorstellungsgespräch demonstrierte der smarte Unterhalter nicht nur sein Talent als Schnellsprecher, sondern kam dabei auch zu dem Schluss, von ernannten Entscheidungsträgern würden ganz oft falsche Entscheidungen mit schlauen Begründungen aus Angst getroffen. „Dabei wollen wir glauben und nicht zweifeln!“, brachte es der vielfach ausgezeichnete Künstler mit Verweis auf Pushup.BHs und Weltreligionen auf den Punkt. Gerade für Führungspositionen brauche man Neinsager und keine Speichellecker. Denn sonst werde die Selbstbestätigungssucht und Selbstüberschätzung von Chefs gefährlich.

Sodann nahm Florian Schroeder erneut die Politiker ins Visier und beleuchtete die Entscheidung, „wie Martin Schulz Kanzlerkandidat wurde“, mit „alternativen Fakten“. Gabriel habe es jedenfalls nicht werden können, denn ihm fehle das S im Nachnamen.

Seit Helmut Schmidt hätten schließlich fast alle SPD-Kanzlerkandidaten darüber verfügt: Scharping, Schröder, Steinmeier, Steinbrück und jetzt schließlich „Chulz“, auch wenn dieser sich sein S habe wegoperieren lassen. Kleine Ausnahme: Das L von Lafontaine – dem Stachel im Fleisch der SPD, der nach nur drei Wochen im Amt folgerichtig die L-Linke aufgemacht habe.

Danach waren die Grünen an der Reihe. Die hätten die großen Entscheidungen getroffen, aber alle Ideen geklaut gekriegt und sich letztlich totgesiegt. Özdemir, „äußerlich Türke“ und innerlich „ein kleiner, durchgeknallter schwäbischer Provinzpolitiker“, wurde ebenso durchgenudelt wie Katrin Göring-Eckardt, „die Margot Käßmann für Arme“.

Auf Hochtouren lief der bekannte „SWR Spätschicht“-Moderator bei AfD-Spitzenkandidatin Alice Weigel und ihrer Parteivorsitzenden Frauke Petry auf. „Rassismus war doch eine der letzten Männerdomänen!“, empörte er sich. Die AfD, die Petryals Fieberthermometer der Gesellschaft tituliert habe, wisse präzise, in welches Körperteil sie gehöre. „Wir sind die AfDer der Welt!“, schlug Schroeder als neuen Wahlkampfslogan vor. Dann bewies er sein unschlagbares Talent als Parodist und nahm in typischer Merkel-Manier deren „alternativlose Entscheidungen“ auf’s Korn. „So etwas gibt es nicht! Das ist geistiger Dünnpfiff und ein Fall für’s Sprachendlager!“, so der Germanist.

Wenn es keine Alternativen gebe, handele es sich um eine Notwendigkeit. Man lebe in einer Bionade-Bourgeoisie der moralischen Überlegenheit, aber in den USA habe man nun die Scheinheiligkeit abgewählt. „Und wer holt uns da raus? Die eine, die immer an allem Schuld ist! Die Einzige, die Trump madig machen kann!“, setzte der Entertainer wiederum auf die Merkel’sche Gelassenheit und entlarvte mit Einspielungen vom misslungenen Handshake beim ersten Treffen der beiden gekonnt die „alternativen Fakten“ Trumps. Der sei das Opfer seiner Emotionen und ein „geopolitischer Legastheniker“, der komplett intuitiv entscheide und dabei keine Ahnung von dem habe, worüber er entscheide. „Bringt er die Welt an den Abgrund oder die Welt ihn?“, fragte Florian Schroeder und definierte die Angst als Grundgefühl unserer Zeit. Gestützt auf Statistikfakten entließ er die Zuhörer mit einem Appell in die Pause: „Habt keine Angst vor dem, was euch nicht umbringen wird!“

In der zweiten Hälfte widmete sich der Meister seines Fachs der Ehe als „Institution der Vergangenheit“ und der Optimierung bei der Wahl des Partners. Wer über diese entscheide – Kopf oder Bauch oder gar noch weiter unten, fragte er und weihte sein Publikum in die Geheimnisse der Einund Zweimatratzenpaare ein. Durch die Gleichberechtigung könnten arme Mädchen nun nicht mehr wie früher in der Gesellschaft aufsteigen, weil jeder unter Seinesgleichen bleibe. Diesen Teufelskreis könnten nur die Frauen selbst durchbrechen, indem die Architektin auch mal den Bauarbeiter ranlasse. Bei den Zweimatratzenpaaren gebe es keine äußeren Gründe mehr, zusammenzubleiben, deshalb müsse der andere stets perfekt sein, sowohl was die Freizeit, die emotionale Intimität als auch den Sex betreffe.

In seiner unnachahmlich komischen Art ließ das Unterhaltungstalent die Zuschauer am Bettgeflüster von Til und Tina teilhaben und sie dabei fast den einsetzenden Regen vergessen. Wie gut, dass zuvor „städtische Ganzkörperkondome“ verteilt worden waren, die dem begnadeten Kabarettisten nun fast eine Steilvorlage für die langsame Einleitung seines Schlusses boten. „Wir müssen beschützt werden und nicht zu viel selbst entscheiden“, so laute oft die heutige Einstellung. Lebensmittelampel, Veganer als Gemüsetaliban, die Gesundheit als letzter Gott bis hin zur Entscheidung über den eigenen Tod – Missionierungsdrang und Bevormundung seien in vielen Bereichen anzutreffen. „Warum lassen wir uns das Leben verbieten? Weil wir müde sind vom ständigen Optimieren!?“ Mut zur Entscheidung, zu Fehlern und auch zum Scheitern, lautete deshalb das Mut machende Fazit des Spaßmachers, der mit tosendem Applaus und erst nach einer weiteren fantastischen Parodie-Einlage von der Bühne entlassen wurde.

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