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Das Lumpenpack
Stefan Friedrich
28.07.2017
Vaihinger Kreiszeitung
Stefan Friedrich

Wie Siegfried und Roy – nur ohne Tiger

VAIHINGEN. Es müssen nicht zwingend die vermeintlich großen Namen sein, die mit Wortwitz und Schlagfertigkeit für frischen Wind auf der Bühne sorgen. Im Falle des Vaihinger Kultursommers war es das Lumpenpack, das eine begeisternde Show mit rasantem Tempo und, beinahe im Sekundentakt, Attacken auf die Lachmuskulatur ablieferte. Und ja, die heißen wirklich so, Lumpenpack, auch wenn das beispielsweise in Schweizer Nobelhotels für Irritationen sorgen kann. Sicherlich nicht mehr lange, denn Max Kennel und Jonas Meyer, die beiden Jungs, die in Stuttgart wohnen und arbeiten, sind mit diversen Auftritten unter anderem in SWR und WDR sowie dank zahlreicher Gastspiele auf kleinen und größeren Bühnen auf dem Weg nach oben. Im Jahr 2016 beispielsweise erhielten sie den Förderpreis zum Kleinkunstpreis BadenWürttemberg.

Sie sind „beide jung und agil, der eine hat einen großen Mund, der andere redet zu viel“; sie sind „allein zu nichts nütze, zu zweit eine Band – einer spielt die Klampfe und der andere tanzt“: So stellten sich Max Kennel und Jonas Meyer gleich zu Beginn all jenen vor, die sie noch nicht kannten. Dabei wurde schon in den ersten Minuten klar, wohin die Reise gehen sollte: Zwei Jungs erzählen auf ihrer „Steil-geh-Tour“ von den Schwierigkeiten als Mittzwanziger in der Midlife-Crisis direkt nach der Pubertät, wenn die Party endet, das Leben beginnt und die Eltern sich freuen, wenn der Sohn sie wegen eines später dann bei ihnen abzuarbeitenden Zuschusses zur 500-EuroMietnachzahlung anrufen muss. „Willkommen im richtigen Leben.“

Das ganze immer wieder gewürzt mit einer gehörigen Prise Humor; der Blick auf den Alltag aus herrlich pointierter Perspektive, präsentiert von zwei charmanten, auf dem Dorf groß gewordenen Kerlen, denen jede Schwiegermutter wohl jede Frechheit verzeiht, zumal sich die beiden Männer liebend gerne auch selbst auf die Schippe nehmen, wenn sie sich etwa mit Siegfried und Roy vergleichen – „nur mit weniger Tigern“; dafür aber eine ganze Horde glatt rasierter Löwen auf der Bühne, die außer dem Publikum in der Stadt unterm Kaltenstein allerdings keiner sehen kann.

Als politische Kabarettisten sehen sie sich nicht, auch wenn sie der kurze Ausflug in die Gedanken über eine gewisse Eva Petry mit dem Charly-Chaplin-Poster (Der große Dikator) – für sie ein Porträt von Hitler – dazu verleitet, festzuhalten: „Lieber schlechter Schlager, als beschissene Politik“. Soll heißen: als Schwiegereltern also lieber den Wolfgang als Frauke Petry. Stattdessen knüpften sie sich Bruno Mars und dessen weltfremde Beschreibung eines sinnlichen Abends zu zweit vor („er gibt eine völlig falsche Vorstellung in die Gehirne von Menschen“) und unterhielten das Publikum mit diversen tierischen Vierzeilern, die an ihre Anfänge als Poetry-Slamer erinnerten – Marke: „Es wusst’ der kleine Oktopus, dass er ganz schnell zum Doktor muss. Weil anal etwas nicht stimmte. Jetzt sitzt er in der Tinte.“

Dazu gab es ein nicht allzu ernst gemeintes Requiem für die Eiche vor ihrem Fenster oder philosophische Betrachtungen über die ewigen Missverständnisse zwischen Mann und Frau (sie streitet, er hört nur zu), exemplarisch abgehandelt anhand einer typisch weiblichen Frage, auf die man(n) sowieso keine richtige Antwort geben kann: Auf was könntest du verzichten: auf das Internet oder auf mich? Verzichten muss das Publikum zunächst auf das Lumpenpack, das sich nach mehr als zwei Stunden, begleitet von donnerndem Applaus, mit einer Zugabe verabschiedete: Eine Hommage an Silvester, falls man sich vorher nicht mehr sehen sollte. Die Tour führt sie jetzt erst mal weiter nach Köln, Bayreuth oder Leipzig. In der Nähe live zu erleben sind sie erst wieder Ende September in Pforzheim, respektive Anfang Dezember in Brackenheim.

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