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Der zerbrochene Krug
Stefan Friedrich
27.07.2017
Vaihinger Kreiszeitung
Stefan Friedrich

Lustspiel mit hohem Tempo

VAIHINGEN. Es ist eine der bekanntesten und gern gesehenen Komödien von Heinrich von Kleist, die das Ensemble des Münchner Sommertheaters in diesem Jahr mitgebracht hatte: Die Geschichte um einen knitzen Dorfrichter des 17. Jahrhunderts, der ein Urteil fällen muss, wo er doch selbst der Täter war, und daher alles versucht, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Gespielt wurde sie am Dienstagabend nicht in der gekürzten Fassung, sondern in Originallänge.

Mit Blick aufs Thermometer und den anhaltenden Regen war es insofern die richtige Entscheidung, an diesem Abend – übrigens zum zweiten Mal in dieser Kultursommersaison – in die Stadthalle auszuweichen. Eine Open-Air-Vorstellung, die das Münchner Sommertheater auch in seiner Heimat, dem Amphitheater im Englischen Garten pflegt, wäre unter solchen äußeren Bedingungen schlicht nicht denkbar gewesen. Der Ortswechsel hat dem Theatergenuss selbst ohnehin keinen Abbruch getan, zumal hier ein höchst versiertes Ensemble agierte, das der Geschichte und seinen Charakteren ein hohes Tempo und zudem reichlich Spielwitz verordnet hatte. Das gilt zuvorderst für Christoph Hirschauer, der in die Rolle des Dorfrichters Adam schlüpfte. Es ist ihm in hervorragender Weise gelungen, das verzweifelte Verwirrspiel dieses Dorfrichters glaubhaft zu verkörpern, wie er geschickt falsche Spuren legt, dem vermeintlichen Täter Ruprecht (Philipp Schulze) harte Strafen androht und sich auch dann noch dreht und windet, als die gegen ihn sprechenden Beweise längst auf dem Tisch liegen. Er fühlt sich zu sicher, weil er Eve (Sophie Petry), die Tochter der Klägerin, mit einer Lüge unter Druck setzen kann.

Das alles hatte Charme, das hatte Witz, zumal Hirschauer seinem Dorfrichter bei allen Überheblichkeiten und irrwitzigen Versuchen, sich zu retten, tragikomische und in seiner Arroganz irgendwie auch sympathische Züge verlieh: ein alternder Lüstling, der zu retten versucht, was natürlich längst nicht mehr zu retten ist.

Bekanntermaßen zeigt Heinrich von Kleist in diesem Stück die Gerichtsverhandlung in all ihren Facetten, vom Anfang bis zum Ende. Für Publikum und Darsteller kann das, zumal angesichts der im Sprachfluss durchaus anspruchsvoll werdenden Blankversen, schlimmstenfalls zu einer langatmigen Herausforderung werden, wenn es den Akteuren nicht gelingt, dem Stück Leben einzuhauchen und die Spannung hochzuhalten.

Glücklicherweise waren in diesem Fall versierte Profis am Werk, denen es von Beginn an gelungen ist, das Publikum selbst bei vollkommen reduzierter Kulisse – für das Bühnenbild reichten ihnen ein paar Stühle und der Richtertisch aus – an sich zu fesseln, weil sie ihren Charakteren ein erfreulich hohes Maß an Authentizität verliehen. Laurin Hacker beispielsweise als rechte Hand des Dorfrichters, der von Adam völlig unterschätzt wird. Oder Frida Caldwell als klagende Frau Rull, deren Topf zerbrochen worden ist und die mit allen Mitteln für ihr Recht kämpft. Dazu Mathis Manz als Gerichtsrat, der zwar zunehmend die Geduld verliert und die Würde des Gerichts auf dem Spiel stehen sieht, sich dennoch immer wieder auf das Spiel des Richters einlässt: Mal wird gesungen, mal wird gespeist. Erst als Frau Brigitte (Anna Hofmann) nach rund zwei Stunden Spieldauer die Wahrheit ans Licht bringt, ist das Schicksal endgültig besiegelt und Adam auf der Flucht.

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